Samstag, 19. Mai 2012

Im Steinwald

Ich verließ Lijiang und meine letzte lange Zugfahrt stand an. Mittlerweile ein alter Hase wollte ich es nun endgültig wissen. Ich fuhr durch Chinas Nacht und hatte nicht einmal ein Hotel gebucht. Ich würde morgens um 6.30 Uhr in Kunming, der Stadt des ewigen Frühlings ankommen und war mir noch nicht sicher, wie die Reise weiter gehen sollte.

Nur eines war klar. Ich wollte den berühmten Steinwald sehen, der rund 100 Kilometer vor den Toren Kunmings lag. Ich konnte nicht einschätzen wie schnell ich dorthin kommen, wie lange ich dableiben und ob ich danach schon in Richtung Jinghong fahren oder doch in Kunming bleiben würde.

Fragen über Fragen. Der Tag gab Antworten.

Kunming, die Stadt des ewigen Frühlings, liegt so weit südlich, dass eigentlich immer Sonne sein müsste. Da es aber zeitgleich 2000 Meter über den Meer liegt, ist die Temperatur dort immer angenehm frühlingshaft.

Besonders um 6.30 Uhr morgens mir vollem Marschgepäck. Eine Sache an die man sich als Chinatourist schnell gewöhnt ist die Feststellung, dass man sich auf den Weg macht, eine chinesische Kleinstadt zu besuchen, um dort vielleicht ein bis zwei zwei Sehenswürdigkeiten anzuschauen und vor Ort mit einer Metropole konfrontiert wird, die immer einige Millionen Einwohner aufweist.

So auch Kunming. Bummelige fünf Millionen Einwohner. Es war absolut kein Kleinstadtfeeling hier vor dem Bahnhof. Eher Frankfurt oder besser: dreimal Frankfurt. Da Bahnhöfe und Busbahnhöfe in China meistens weit entfernt liegen und Busbahnhöfe sogar meist weit außerhalb der Stadt war mein nächstes Etappenziel klar: Der Busbahnhof.
Aber wie es sich für eine Mehrmillionenstadt gehört, hatte Kunming derer Drei. Ich zog also meine Chinesische Übersetzung für Steinwald aus der Tasche und lief mit diesen Buchstaben durch die Gegend. Schon nach wenigen Minuten saß ich in einem Bus. Wie ich feststellte: Der Flughafenbus. Es gibt immer diese Momente, wo man sich nicht mehr so richtig sicher ist, ob die Gesprächspartner auch wirklich alles so gedeutet haben, wie man es auszudrücken versucht hatte. Dies war so ein Moment.

Ich hoffte inständigst, dass die freundlichen Menschen am Bahnhof nicht wirklich dachten, ich wolle zum Steinwald fliegen.

Aber wie so oft hatte ich die Auffassungsgabe der Chinesen unterschätzt. Wie sich rausstellte war dieser Airportbus mit Abstand die schnellste Verbindung zum Süd-Busterminal. Und auch von dort ging alles ganz schnell.Dank eines freundlichen Busbahnhofbeamten, der mich sofort „an die Hand“ nahm und durch die Absperrungen brachte, so dass ich wenige Sekunden vor Abfahrt den Überlandbus erklimmen konnte.

Und da war ich: Im Steinwald.

Die Gesteinsformastion kennt man. Von den Externsteinen im Teutoburger Wald zum Beispiel. Aber dies hier war eben kein „Baum“, wenn man im Wortbild bleiben möchte. Dieses war ein Wald. Ein Urwald voller Steine, die die Urwaldriesen bildeten. Nur ein Bruchteil des gesamten riesigen Areals für Touristen erschlossen und dennoch genug für einen umfangreichen Tagesausflug.

Ich kletterte über Vorsprünge, zwängte mich durch enge Steingassen, bestaunte verborgene Seen und immer wieder starrte ich zu den kalten Steinriesen empor, die mir in der Hitze des Tages wunderbaren Schatten spendeten.

Herrliche Ausblicke über die Steinfelder von Shilin bis zum Horizont und noch weiter. Dankbare Fotomotive, wenn sich bunten Blumenpracht mit dem grauen Fels paarte.

Und es kam was kommen musste. Beim Kauf einer Sprite gab es kleine Probleme, weil die Verkäuferin nicht sofort verstand welche Flasche ich aus dem Kühlschrank erwerben wollte. Eine Verständigungsschwierigkeit, die sich in wenigen Sekunden geklärt hätte. Doch in genau diese Sekunden stieß Simon. Meine nächste chinesische Bekanntschaft. Er half aus, konnte ein bisschen Englisch und hatte mich schon im Bus nach Shilin beobachtet. Wir blieben den ganzen Tag beisammen.
Und als wir abends zusammen zurück nach Kunimg fuhren war er mein nächster chinesischer Schutzengel geworden. Ich hatte noch immer kein Hotel aber er einen echten Plan für mich. Er hatte nämlich ein gutes preiswertes in Hauptbahnhof-Nähe gefunden und dort wäre sicherlich auch noch ein Zimmer für mich frei.

War dann aber nicht. Nun fühlte sich Simon komplett in der Verantwortung, suchte Hotel für Hotel mit mir ab, machte Preisverhandlungen und kehrte auch so manchem Haus den Rücken wenn er nicht zufrieden damit war bzw. er nicht zufreden für mich damit war.

Dann fanden wir, also eigentlich natürlich eher er, ein schönes Hotel, dem er einen chinesischen-Einheimischen-Übernachtungspreis für mich abrang. Zur Feier des Tages gingen wir dann gemeinsam essen. Und nun am Ende des spannenden Tages, den ich völlig ungeplant auf mich zukommen lassen hatte, blieb zu resümieren: Eine komplikationslose Nachtzugfahrt, eine schnelle Airportbusfahrt, eine reibungslose Überlandbusfahrt, eine grandiose Steinwaldbesichtigung, ein schicksalshafter Spritekauf, eine wunderbare neue Bekanntschaft, eine erfolgreiche Hotelsuche und ein leckeres gemeinsames Abendessen.

China hat Schutzenegel. Und zwar überall und jederzeit im Einsatz.























Nettes Essen mit Simon

Herrliches Zimmer - Klo mit Aussicht



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