Dienstag, 8. November 2011

Glutenfrei in Kanada

Wer schon einmal durch halb Hamburg gefahren ist, um in einem Reformhaus einigermaßen erträgliches glutenfreies Brot zu erhaschen, der weiß was der Verzicht darauf wirklich bedeutet. Mit glutenfreiem Brot kann man in der Regel alles machen, nur es nicht essen. Glutenfreie Nudeln kleben zumeist zu einem riesigen Teigball zusammen und eine glutenfreie Tiefkühlpizza würde man, wenn sie nicht glutenfrei wäre, sofort in den Supermakt als ungenießbar zurückbringen. In Restaurants ist es ähnlich. Man erahnt erst beim Blick in die Speisekarte wo überall Weizenmehl, Speisestärke, Dinkel, Roggen oder sonstwas beigemischt sein könnte. Bindemittel in Pommes zum Beispiel. Einige gute Restaurants in Hamburg kochen bei rechtzeitiger Voranmeldung ein glutenfreies Menue. Immerhin kann man in solchen Restaurants beim Spontanbesuch auch detailliert erfahren was alles in dem Essen zu finden ist – das ist auch schon gut..
Irgendwie kommt man sich mit einer Lebensmittelunverträglichkeit in Hamburg wie "krank" vor. Dabei gibt es viele Menschen, die ganz freiwillig auf Weizenmehl verzichten möchten. Das hat einen hohen Preis.
Kanada ist ein Glutenfrei-Paradies. Jeder Supermarkt hat ein riesiges Regal für alle möglichen Unverträglichkeiten: Ei, Milch, Mehl. Auf jeder Packung ist gekennzeichnet welche Allergiker welches Produkt nicht essen sollten. Diverse Firmen bieten Kuchen, Torten, Nudel-Spezialitäten und Pizzen in allen erdenklichen Formen an. Bäckereien haben wie selbstverständlich glutenfreie Produkte. Als ich Sandra meinen Lieblings-Glutenfrei-Markt zeigte, der exzellente Torten ausgestellt hatte und auch ansonsten eine unfassbare Auswahl bot, kannte ihre Freude kaum Grenzen. Volle zwei Stunden blieben wir in dem Markt. Immer wieder hörte ich aus einem anderen Regal-Gang ein „Daaaas gibt es doch gar nicht – guck mal hier...“
Die Krönung war der Besuch des Restaurants „Magic-Oven“ in Toronto. Die preisgekrönte Pizza konnte ebenso wie die Nudelspezialitäten „regular“ oder „glutenfree“ bestellt werden. Das große Wunder bei der gemeinsamen Pizza: Sie schmeckte fantastisch! Da kamen sogar mir die Tränen.


Im Laufe der Reise stellten wir fest, dass nahezu jedes Restaurant glutenfreie Produkte auf der Speisekarte hatte. Welch eine Entlastung der anstrengenden Fragerei: „Und was ist da drin?“
Endgültig fasziniert hat uns allerdings der Besuch der kleinen Ortschaft Huntsville. In der Bäckerei verneinte man die Frage nach glutenfreien Produkten: Es gebe doch die glutenfrei Bäckerei zwei Straßen weiter. Dort im Schaufenster fanden sich nicht nur alle erdenklichen Backwaren, sondern auch ein Bericht über die Geschäftsgründerin, die zwei betroffene Töchter hat. Ihr Ziel: Bislang brauchten Glutenfrei-Esser ihre Kuchen nicht verstecken, die wollte sowieso niemand essen. Das soll sich ändern!
Und ehrlich? Von Sandras Schokobrownie fehlte irgendwann die Hälfte und sie hatte die nicht gegessen...


Es bleibt die Feststellung, dass andere Länder bzgl. Lebensmittelunverträglichkeit viel "weiter" sind, als Deutschland (selbst in Namibia war die Auswahl größer als in Hamburg)
Wer nach einer Geschäftsidee sucht, möge alle Allergiker erlösen und solch einen Laden in Hamburg eröffnen.

Das wäre traumhaft.

Wichtige Schritte in diese Richtung machen in Hamburg bereits (u.a.):

Tolle glutenfreie Torten

Glutenfreie Menues

Große glutenfreie Auswahl (Hoheluft)

Huntsville liegt in der Einöde Ontarios und hat
ledilich 18 000 Einwohner
Aber es gibt eine Wheatfree-Konditorei



Glücksmomente


Reiche Auswahl an einem Wochentag


Angebot im Fast-Food-Laden

Montag, 7. November 2011

Der Gegenentwurf von Alltag

Ein letzter Paddelschlag, ein letzter Blick, ein letztes tiefes Durchatmen. Auch die schönste Paddeltour hat einmal ein Ende. Acht Tage schenkte uns der Algonquin-Nationalpark Sommerwetter im Oktober. Blauer Himmel und glatte See. Wenn ein Lüftchen wehte, dann trug es uns zum Ziel. Die Bären blieben versteckt und die Schlangen waren dann doch gar nocht so zahlreich wie zuerst befürchtet. Die Rastplätze waren grandios gelegen und nur ein einziges Mal war noch ein Kanuteam auf dem gleichen See wie wir.
Das bedeutete absolute Einsamkeit, eigene Inseln im Sonnenuntergang.
Lagerfeuerholz gab es an jedem Rastplatz, manchmal musste man nur wenige Meter gehen, dann hatte man die Arme voll. Die Nächte waren sternenklar und die Wasserflasche mit frisch gekochtem Wasser hielt Sandras Schlafsack bis zum Morgen warm. Müsliriegel und heißer Tee waren die Tageshighlights. Aus dem Pfannkuchenteig konnten wir noch am vorletzten Tag Lagerfeuer-Kaiserschmarrn machen. Es waren wunderbare Tage mit tiefen Eindrücken, die so weit abseits von aller Zivilisation lagen. Und ich fand das Gefühl wieder, das mich all die Jahre nach Lappland trieb.
Dieser Gegenentwurf zu meinem sonstigen Alltag. Auf so einer Tour gibt es keine Telefonkonferenzen, kein Drängeln und kein Taktieren. In der Wildnis zählen die Grundbedürfnisse des Menschen: Was kann ich essen, was kann ich trinken, wo kann ich schlafen und wie überlebe ich die nächste Strecke?

Abgekochtes, abgekühltes Wasser wird zum Champagner, ein hartgekochtes Ei (sechs Tage wie einen Augapfel behütet) wird zum Gourmet-Menue. Ein Stück Schokolade gar unbezahlbar. Wie oft habe ich mir vorgenommen, all dieses in den Alltag zu retten. Gelungen ist es mir nie ganz.

Auf die Frage was ich am Kanufahren am meisten liebe, hab ich vor Jahren in einem Projektbericht eine etwas pointierte Antwort gegeben, die bis heute Gültigkeit hat: Das Schönste am Kanufahren ist die heiße Dusche danach. Nach Tagen voller Kälte und Entbehrungen lässt der wohlige warme Wasserstrahl einen demütig werden. Und danach geht man Essen. Wir haben uns ein fantastisches Steak im besten Haus am Platze gegönnt. Und wenn das Messer erstmals seit Tagen durch ein frisches Gemüse schneidet und das duftende Filet mit Pilz- und Zwiebelduft die Nase streichelt, dann weiß man wie sich Glück anfühlt. Nämlich genau so!

Eins ist jedenfalls klar: Wir lieben Outdoor!

Glücksmomente in Bild und Film:


Etappenziel voraus


Kaiserschmarrn am Lagerfeuer

ein hartgekochtes Ei am vorletzten Tag

Pause auf einem Steg in der Wildnis

Ausblicke

Morgennebel

Frühstücksbuffet

getrocknete Blaubeeren, getrocknete Mangos, getrocknete Kirschen
Schokolade, Makadamia, Erdnüsse, Schokolade

Das Maskotchen meiner Patenkinder
Der IGEL

Sonne im Oktober

idyllische Flussläufe

Sonnenpause auf dem See

Wohnzimmer im Freien

Die Meerjungfrau von Algonquin

Strandurlaub am Pausentag

eine eigene Insel

Unsere Abwaschküche

Zelt im Sonnenuntergang

Indian Summer im Kleinen

Immer wieder atemberaubend


Unsere Trauminsel

Spiegelungen




Sogar der Nebel spiegelt sich

Venusmuscheln als Vorspeise
Das ist Glück



Der Gegenentwurf von Alltag in 23 Sekunden...



Mit dem Kanu durch die Fuhle


Zu zweit ist sinnlos und vergeudet Tragekraft
Das muss man allerdings erst lernen

Das Kanu-Revier des Algonquin-Nationalparks hat eine Spezialität: Das Seensystem ist zwar weit verzweigt, aber zwischen den einzelnen Seen gibt es meistens keine oder nur unbefahrbare Verbindungen. Das bedeutet: Umtragen! Das kannte ich aus Skandinavien noch nicht – dort benutzt man eine Kanutragewagen bei den wenigen Umtragstellen am Foxen. Der Inari-See ist komplett umtragefrei. Was sich so einfach liest und in der Vorstellung auch gar nicht so schlimm daherkommt: „Na, dann tragen wir das Kanu eben um!“ ist eine unfassbare Plackerei, die uns einige Male bis an unsere Grenzen (und auch darüber) gebracht hat.
Mal stellt sich so ein „Umtragen“ irgendwie einfach vor. Raus dem Wasser, Kanu angepackt und schwupps im nächsten See. Unsere täglichen Umtragestellen waren aber zwischen 300 Meter und drei Kilometern lang. Ich weiß nicht wer von Euch schon einmal ein Kanu alleine durch die Fuhlsbüttlerstraße getragen hat? Und dabei meine ich nicht das obere Stück vom alten Hertie bis zur Haspa-Kreuzung - das sind höchstens 500 Meter. Ich meine fast die ganze Fuhlsbüttlerstraße. Denn mit einem Gang ist ja noch lange nicht alles getan. Die ersten Umtragstellen führten uns insgesamt dreimal hin- und her. Da wird schnell aus 300 Metern hin und 300 Metern zurück und 300 Meter hin usw. eine ganz schön große Strecke.
Die härteste wenn auch nicht längste Umtragestelle bewältigten wir am zweiten Tag. Wir waren noch nicht so firm im Umtragen und trugen das Kanu sogar zum Teil zu zweit (was sich als völlig unpraktisch herausstellte, da extra im Mittelholm eine Kerbe für einen Kopf geschnitzt ist). Unsere Taschen waren noch voll von Essen und ich schätze, dass wir insgesamt (mit Kanu) rund 100 Kilo umzutragen hatten. Und das Ganze über fast zwei Kilometer. Es war bereits 15 Uhr als wir begannen und die Dunkelheit trieb uns zur Eile an.
Es war der Horror und was Sandra an diesem Tage leistete, war unbeschreiblich. Während ich plakativ das Kanu trug (sieht insgesamt etwas schwerer aus als es ist) „fädelte“ sie ein Dutzend Kanutaschen auf einen Gürtel, den sie sich umhängte und an einem riesigen improvisierten Rucksack festband. Da schmerzte schon das Hingucken bis ich sie fast anschrie „Halt an! Pause!“ lief sie wie im Wahn weiter und weiter. In völliger Erschöpfung brachen wir nach 2+2+2+2+2 Kilometern zusammen. Minutenlang konnte keiner etwas sagen (außer: Wir hassen Outdoor) So würden wir unsere „Meisteretappe“, die uns am vorletzten Tag erwartete, nicht bewältigen. Dort wollten wir rund 10 Kilometer paddeln und dazu zwei Umtragestellen bewältigen von der eine drei Kilometer lang war. Und zu allem Überfluss auch noch durch unseren Schlangenwald führte.

Doch wir wurden härter und besser. Vor dieser Etappe entsorgten wir überflüssige Verpflegung und beschränkten uns bei unserem Gepäck auf das Notwendigste (überflüssige Kleidung kann man verbrennen). Die vorhandenen Taschen bastelten wir schon am Vorabend zu besser tragbaren „Hilfsrucksäcken“.

Den ersten Kanuteil bewältigten wir schnell und so machten wir uns in der Mittagshitze an die erste Etappe. Drei Kilometer bergauf und bergab mit 30 Kilo-Umhängetasche oder einem Kanu auf der Schulter an dem auch noch drei gut gefüllte Müllsäcke baumelten und drei Paddel steckten, bleiben trotz aller Vorbereitung eine Tortur.
Gerne hätte ich uns bei dieser Tour beobachtet wie wir bärenglockenläutend durch den Wald zogen. Wir stapften und schimpften über Bäume, die den Weg versperrten über glatte Felsen und über die Tatsache, dass nach jeder Biegung eine neue erschien bis endlich der See vor uns lag. Eineinhalb Stunden hatten wir mit Gepäck gebraucht und wir wollten den Rückweg durch das Gelände ohne Gepäck viel schneller schaffen. Diese Kilometer genossen wir durch das leuchtende Herbstlaub zu wandern und die Sonne auf der Haut zu spüren. Und dennoch merkten wir die aufkommende Erschöpfung, den jeder hatte nur einen Liter Wasser für diese Strapaze. Wir wollten einfach nicht noch mehr Kilos mit uns schleppen. Als wir nach weiteren 55 Minuten wieder am Anfang waren, lagen sechs Wanderkilometer hinter uns und wir machten uns fast sofort mit dem restlichen Gepäck auf den Weg. Wieder über Stock und Stein an einer Schlange vorbei, die Sandra in Erschöpfungsgleichgültigkeit anraunte : „Verschwinde, du nervst!“ und nach weiteren zwei Stunden war auch dieser letzte Abschnitt bewältigt. Neun Kilometer in viereinhalb Stunden. Wir waren ziemlich stolz über unsere Leistung und machten erst einmal „Umtragefotos“, die ein bisschen zu heiter daherkommen (siehe unten).
Die folgenden Kanukilometer und die letzten lächerliche 100 Meter Umtragestelle wurden dann zur Qual. Ich hatte unfassbaren Durst. Wir hatten kein Wasser mehr und zu allem Überfluss gab der Kocher auch noch seinen Geist auf. Wir mussten mehrfach aus dem Boot aussteigen um es zu ziehen und mit allerletzter Kraft kamen wir gerade vor Sonnenuntergang auf unserer Lieblingsinsel an, wo ich drei Liter nahezu kochendes Wasser in mich reinstürzte (erstmals hatte ich erst Feuer gemacht statt die Verpflegung vor Bären zu sichern).
Als wir am nächsten Pausentag im glasklaren Wasser baden konnten und den Blick über die weite des Sees schweifen ließen, war von all den Strapazen nichts mehr zu merken. Warum auch? Wir hatten gesiegt!



Ein Kanu liegt im Walde...



Immer wieder zwingen Biberbauten zum Aussteigen
Umtragen ist dies allerdings nicht!

Es gibt immer einen Weg mittendurch

Freude vor der Strapaze. Kleiner werdende Flüsse deutetn auf die
nächste Umtragstelle hin.

Die härteste Strecke Lake Louisa nach Florence Lake


Bis zur völligen Erschöpfung

Unser Meisterstück

Kurze Pause

Duuuurst!

Qual von hinten!

Lächeln nur fürs Foto nach bewältigter Tortur

Sandras "Einfädelpatent"

da schleppt man mal eben drei Kilometer ein Kanu

Kanutausch

Von Bären und Schlangen

Warum eigentlich die größten Angsthasen der Welt in ein Gebiet reisen, dass genau die eigenen Angstfantasien bedient, bleibt natürlich ein Rätsel.
Sandra fürchtet Schlangen, ich Bären. Wobei meine Angst natürlich begründet ist, während Sandras höchst irrational ist.

Im Allgonquin Nationalpark gibt es Bären und deswegen muss man seine Lebensmittel hoch in einen Baum ziehen. Der Gedanke an Bären durchfuhr mich die komplette Reisezeit und besonders nachts hörte ich sie ums Zelt schleichen. Sandra meinte zwar, dass dies entweder Grashüpfer oder Baumaschinen in der Ferne seien, aber ich war mir eigentlich jederzeit sicher ein Opfer einer Bärenattacke zu werden.

Und so ungefährlich wie immer gesagt wird, ist es mit den pelzigen Freunden nämlich nicht. Angeblich soll es in den letzten 100 Jahren lediglich 40 menschliche Todes-Opfer gegeben haben. Meine Internetrecherchen ergab aber auch anderes:

 Bären attackieren Menschen und die Hinweise wie man bei solch einer Bären-Attacke reagieren soll sind höchst unterschiedlich. Bei Schwarzbären auf Bäume klettern, bei Grizzlys macht das keinen Sinn, denn sie können gut klettern. Aber es sind auch schon kletternde Schwarzbären gesehen worden. Bei Braunbären soll man sich tot stellen, bei Schwarzbären auf keinen Fall, weil sie nicht von einem ablassen. Bei Schwarzbären soll man zurückschlagen, wenn sie bösartig sind. Ansonsten die Ruhe bewahren und laut sein, damit sie verschwinden. Wenn sie einen noch nicht wahrgenommen haben, dann soll man allerdings doch verschwinden, Wenn sie sich auf die Hinterbeine stellen, dann ist das kein Zeichen für einen Angriff, sondern sie wollen sich nur einen Überblick verschaffen. Kein Grund also zur Panik? Da ich im Falle eines Bären-Meetings sicherlich nicht das Braun-schwarzbär-Grizzly-Bestimmungsbuch heraushole, ist mir völlig klar, was ich tue, wenn ich einen sehe: Weglaufen! Und genau das, da sind sich alle Quellen einig, ist genau das Falsche, denn Bären sind schneller und du weckst mit Flucht ihren Jagdinstinkt!
Also will ich keinen treffen und habe uns Bärenglöckchen gekauft. Die machen einen zwar wahnsinnig, weil sie bei jedem Schritt bimmeln, aber mich beruhigen sie. Mein Theorie zu all den Bäreneinträgen im Internet: Man schreibt doch nicht so viele Verhaltenstipps, wenn in den leetzten 100 Jahren lediglich 40 Menschen getötet wurden! Ich bin sicher man vertuscht die Hälfte oder sogar noch mehr. Es sind sicher 100 Opfer und dann sieht es schon wieder anders aus. Auf unserem See zum Beispiel fahren wir ja nur ganz alleine. Wenn das immer so ist, dann fahren vielleicht 100 Menschen im Jahr über diesen See. Wenn davon einer getötet wird, dann heißt es, dass jeder 100 Mensch ein Opfer wird (die nicht tödlichen Attacken, bei denen man nur ein Bein oder Arm verliert, mal nicht mitgezählt). Wir sind zu Zweit im Kanu was die Wahrscheinlichkeit natürlich sofort verdoppelt. Warum sollte der Bären einen von uns töten, während der andere danebensteht. Wenn dann sind wir beide dran.

Sandra sagt, dass das Quatsch ist, denn die 40 Todesopfer waren ja nicht an unserem See, sondern in ganz Nordamerika. Und außerdem seien Schwarzbären nun wirklich nicht besonders aggressiv und ich müsste das ja schließlich wissen, denn ich hätte eine Bärenbegegnung nun schon mal gut überlebt.

Und das stimmt. Bei meiner ersten USA-Expedition mit Ingo und Isi (die ich an späterer Stelle noch einmal ausführlich vorstellen werde) durchquerte ich den Yosemite Nationalpark. Und ich entschied mich (ich war jung und unerfahren) aufgrund der Hitze die Nacht vor meinem Zelt zu verbringen. Ich wachte nachts auf, als ein ausgewachsener Schwarzbär sich mit seinem Fell an meinem Bart schubberte. Zum Glück lag ich im Schlafsack (sonst wäre ich sicher sofort weggelaufen s.o.). So konnte ich mich nicht regen und war sowieso schocksteif. Nach wenigen Sekunden ließ der Bär von mir ab und entschwand vom Campground. Ich nahm meine Sachen und sprintete ins Zelt wo ich Ingo und Isi weckte. Isi sagt, dass er noch nie einen Menschen so zitternd gesehen hatte und ich konnte die ganze Nacht natürlich kein Auge schließen, weil ich mir plötzlich nicht sicher war,ob das Ganze nur ein Traum war. Am nächsten Morgen fanden wir die riesigen Prankenabdrücke neben meiner Isomatte.

Ich informierte den Campingwart, der nur lapidar fragte „Ist was passiert?“ Ich antwortete „Nein!“ und er zuckte die Schultern „Dann ist ja gut!“

Ich wollte meine Antwort auch 13 Jahre später nicht revidieren und handelte mit größter Vorsicht. Jedes noch so kleine Essens-Utensil wurde in die Bäume gezogen und nachdem ich gelesen hatte, dass ein Jugendbetreuer einen Bären mit einem Paddel davon abhielt einen Jugendlichen aus dem Zelt zu ziehen, schlief ich nachts mit Paddel im Arm.

Sandras Schlangenangst ist natürlich unbegründet. In Algonquin gibt es keine giftigen Schlangen. Nur viele. So kam die erste Begegnung schnell und trotzdem ziemlich überraschend (bis dahin wussten wir nämlich noch nicht, dass wir im Schlangenland waren). Wir wanderten durch den Laubwald bei herrlichem Sommerwetter mit rund 30 nicht ganz so herrlichen Kilos auf der Schulter als sie plötzlich da war. Sie lag mitten auf dem Weg und ich muss zugeben: Sie war riesig! (bestimmt 1,50m lang) Sandra stand stocksteif und schrie unentwegt:„Schlangen sind Flüchter, flüchte!! Ich hasse Dich – verschwinde!“ Diese war irgendwie kein Flüchter. Sie verschwand nicht. Sandra bewegte sich auch nicht mehr (sie ist wohl auch kein Flüchter) und die Taschen auf meinem Rücken wurden schwerer und schwerer. Ich fragte sanft, ob wir jetzt weitergehen könnten, man bräuchte schließlich vor ungiftigen Schlangen keine Angst zu haben.

Aber Sandra war anderer Meinung: „Wenn ich vor einem möglichen Hunderstel-Bär Angst haben würde, hätte sie gefälligst das Recht vor einer ganz realen Schlange vor ihr in Schockstarre zu verharren und zwar so lange sie wolle. Und es sei ihr auch scheißegal ob die Schlange nun giftig sei oder nicht.“

Und da hatte sie irgendwie Recht. Ich legte mein Gepäck ab.

Wir betätigten uns eine weitere halbe Stunde als Nichtflüchter, als die Schlange von selbst verschwand. „Sie war nur Spätflüchter“ versuchte ich einen Scherz, der allerdings nicht besonders gut ankam.

Das Dumme beim Umtragen ist, allerdings, dass man meistens noch einmal zurück muss, um weitere Sachen (z.B. das Kanu) zu holen. Auf dem Rückweg lag die Schlange wieder an der gleichen Stelle und zu allem Überfluss einige Meter danach noch eine weitere.

Sandra war fertig und auch ich musste einsehen, dass dieser Wald nicht sonderlich gut geeignet war, um einen Menschen mit Schlangenphobie einen geruhsamen Urlaub zu ermöglichen.

Wir schafften es irgendwie dann doch noch unter immenser Anstrengung den Wald zu durchqueren („Du musst lauter und stärker Auftreten, damit die Schlangen uns hören!“). Es war eine unfassbare Strapaze, die sich auf die normale Strapaze des Umtragens legte, so dass sich Sandra am Abend zu dem später viel zitierten Satz hinreißen ließ „Ich hasse OUTDOOR!“. Am Lagerfeuer mit Blick aufs Wasser und die Sterne wollte sie davon allerdings nichts mehr wissen.

Einen Bären haben wir übrigens die ganze Tour hindurch überhaupt nicht gesehen.

Bärenlinks:




Über Algonquin und Schlangen:



Als nachts (beim letzten Hochziehen der Waschutensilien,
 in totaler Dunkelheit meine Konstruktion riss und ein 20 Kilo-Beutel
direkt hinter mir zu Boden ging. Schrie ich vor Schreck so laut,
dass man es noch drei Seen weiter hörte. Ich sah mich
schon als Bärenopfer und war kampfbereit. Ein grausamer Moment im Wald
Alles ist dunkel. Alle Essensutensilien liegen rundherum auf dem
Boden. Ich brauchte fünfzehn Minuten alles wieder hochzuziehen.
 Sandra sang ununterbrochen und klatschte in die Hände um die "Bären zu warnen"
 (oder die Schlangen zum Flüchten zu bewegen)
Horror!
Ich hasse Outdoor!


Das Wichtigste überhaupt: Lebensmittel sichern!

Kein Weihnachtsbaum

Schlangenland

Leider vergaß ich in der Schockstarre die Schlange zu fotografieren



Sonntag, 6. November 2011

Der Elefant Kanadas

Es ist das Ende der ersten Etappe. Eigentlich peilen wir unsere Schlafplatzinsel an. Die Sonne senkt sich Richtung Horizont und auch unsere Kräfte lassen nach.
Da knackt es am Ufer. Ein lautes Krachen durchbricht die Stille. Immer wieder. Wir ändern den Kurs und paddeln langsam dichter. Das Knacken wird lauter. Wir halten einen Sicherheitsabstand. Man weiß ja nie. Dann sehen wir seine Schaufeln. Ein Elch bricht durchs Unterholz und plötzlich steht er vor uns. Majestätisch. Wir sind sprachlos und genießen. Vielleicht 20 Meter Wasser liegen zwischen uns. Er trinkt langsam und wir verfolgen jeden seiner Schlucke. Was für ein Tier? Was für ein Moment? Er schaut auf. Nimmt Notiz und trinkt weiter. Dann verlässt er uns und verschwindet im dichten Wald. Wir hören noch lange sein Knacken im Wald. Weil wir dem Moment atemlos nachsinnen.
Wir schauen uns an. Zuletzt hatten wir gemeinsam Giraffen und Elefanten in Afrika beobachtet. Dieser Elch fühlt sich genauso an. Es ist unser Elefant Kanadas. Unser Glück geht weiter. Dann paddeln wir beseelt zu unserem Schlafplatz.

Fotos und Video


Es knackt

Unbemerkt

Etwas tut sich

und tschüss



Kurzes Elchvideo: